Donnerstag, 9. August 2007
Gespannte Drahtseile
Die Anzeichen mehren sich: der Beginn der neuen Saison ist nicht mehr weit. In diesem Jahr wurde sogar die erste Hauptrunde im DFB Pokal vor dem ersten Spieltag der Bundesliga ausgetragen.
Die Spannung steigt! Am kommenden Freitag startet die Saison endgültig in die neue Saison. Stuttgart gegen Schalke, ein Kracher zum Anfang. Und doch ist es ungewohnt, dass in diesem Jahr nicht die Bayern die Saison eröffnen. So manch einer befürchtet, dass sie sie deswegen umso grausamer beenden werden, evtl. sogar frühzeitig.
Die Anspannung jedoch steigt nun bei allen Mannschaften. Werden die Neueinkäufe einschlagen?
Ribéry und Klose haben in der Vorbereitung gezeigt, dass sie schon sehr weit sind, aber was wird dieser Luca Toni eigentlich zeigen?
Ein Herr Sanogo trifft seit seinem Wechsel auch wieder. Bremen mag es freuen, jedoch, der Stareinkauf aus Brasilien, Carlos Alberto, konnte bisher nicht unter Beweis stellen, weswegen man ihn verpflichtete. Was ist mit dem „ehemals“ neuen Superstar Diego? Kann er seine Leistungen bestätigen?
Der Hamburger Castelen machte in seinem ersten Testspiel ein Tor, beim Auftakt im Pokal musste er jedoch zunächst auf der Bank Platz nehmen.
Einer der Rückkehrer in die Bundesliga, ein langer Grieche mit Namen Charisteas, traf schon im Pokal doppelt, sein Kollege Vitteck jedoch sogar dreimal.
Der andere, „Toni“ Ailton, ist bisher bei seinem neuen Verein, dem MSV Duisburg, noch nicht ans spielen gekommen.
Wie sieht es beim deutschen Meister, dem Verein für Ballsport aus Stuttgart, aus? Bisher fiele er nur durch übermäßige Härte und drei rote Karten in den Pokalspielen auf. Was jedoch wird aus der Neuerwerbung und Ex-Dortmunder Everthon? Kann er sich durchsetzen? Was ist mit dem frisch gekürten Fußballer des Jahres, Mario Gomez? Noch ist er nicht fit, wird er in der kommenden Saison wieder so auftrumpfen können?
Wie wird die Saison in Vizekusen laufen? Aus dem Pokal ist man schon raus, kann sich voll und ganz auf die Meisterschaft konzentrieren. Schlägt Torschützenkönig Gekas ein wie in Bochum? Platzt bei Herrn Kiesling endlich der Knoten? Und wenn ja, was passiert dann eigentlich mit der Legende Barbarez? Zündstoff?
Was kann eigentlich ein Felix Magath bei einem Retortenclub bewirken? Wird Marcelinho sich auf Fußball konzentrieren, oder gar im langweiligen Wolfsburg eine Diskothek eröffnen? Können die Rumänen aus Cottbus ihre starke Saisonleistung von insgesamt über 20 Toren wiederholen?
Apropos Cottbus, was wird aus den Underdogs, den Aufsteigern zum Beispiel. Was macht die Torfabrik Karlsruhe ohne Federico? Und kann dieser sich in Dortmund behaupten?
Weitere spannende Fragen wären: Wann fliegt der erste Trainer und aus welchen scheinheiligen Grund erst so spät? Wann kommt Peter Neururer zurück? Will überhaupt jemand, mit Ausnahme der Bayern, Meister werden? Wann zeugt Franz Beckenbauer das nächste Kind (es wird langsam Zeit)? Bekommen die Bayern endgültig alle Millionen von T-Mobile, weil die vom Radsport die Schnauze voll haben?
Fragen über Fragen … man darf gespannt sein, muss abwarten.
Es wird Zeit, dass es endlich losgeht!!!
Und dann gibt es ja auch noch diese zweite Liga …
Montag, 30. Juli 2007
Schüsse aus der zweiten Reihe
Schüsse aus der zweiten Reihe
Amerika, das Land in dem sich jeder Waffenbesitzer heimisch fühlen kann. Für Fußballfans jedoch ist dieser Staat noch immer eine Art Diaspora. Auch wenn der große Becks inzwischen sein Feierabendbier im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schlürft, wahrscheinlich verdünnt mit einer zuckerfreien, koffeinhaltigen Brause welche von seiner Gattin beworben wird, so ganz große Begeisterung ist in den USA noch nicht anzutreffen. Ganz anders ist dies in einem Land, welches von einem nicht weiter genannten Staatsmann zur Achse des Bösen gezählt wird.
Im Irak, wie in vielen anderen Ländern der Region, ist der Fußball, nach langen Kriegsjahren, wieder auf dem Vormarsch. Und so verwundert es auch nicht, dass die dort ansässige Nationalmannschaft langsam an alte Erfolge anknüpft und sogar den Erfolg zu steigern vermag.
Beim kürzlich vergangenen Asia-Cup, der Europameisterschaft für Asiaten, kamen die Iraker gar ins Finale und brachten dort das „Wunder“ fertig und besiegten die Mannen aus Saudi-Arabien gleich bei ihrer ersten Finalteilnahme.
Man mag sich nun fragen, was an diesem Erfolg so außergewöhnlich und neu ist, schließlich hatte auch keiner mit Griechenland als Europameister gerechnet.
Nun ja, das wirklich dramatische an diesem Erfolg ist die Geschichte, die sich im Hintergrund, nämlich im Irak selbst abgespielt hat.
Schon während des Halbfinales wurden bis zu 50 Fußballfans bei verschiedenen Attentaten getötet, eine Tatsache, die bei den täglichen Anschlägen leider nicht weiter ins Gewicht fallen wird. Zum Finale jedoch gab es dann keine weiteren größeren Anschläge, traurig genug dies vermerken zu müssen.
Und trotzdem wurde das Land, welches schon seit so langer Zeit so arg gebeutelt wird, der große Spaß am Erfolg des eigenen Nationalteams geraubt. Und dies ob der Tatsache, dass bei den Jubelfeiern nach dem Gewinn des Asien-Titels mindestens 7 Menschen ihr Leben lassen mussten.
Traurigerweise wurden sie nicht einmal Opfer heimtückischer Angriffe. Sie feierten eines der schönsten Ereignisse des irakischen Volkes in letzter Zeit und wurden, wie der Amerikaner sagen würde, von „friendly fire“ niedergestreckt.
Aus Jubel über den Titel schossen viele Menschen mit ihren Waffen in die Luft und offensichtlich nicht nur dort hin. Freudenschüsse trafen, aus Versehen, unschuldige Menschen, feiernd. Die Opfer wurden getroffen im Moment größter Freude, unbeabsichtigt. Tragisch, und dennoch zeigt es den Enthusiasmus, mit dem dieses Volk sich feiern kann, mit dem es hinter seinem Team steht, sich für den Fußball begeistern kann. Gefühle pur, die eben auf gefährliche Weise ausgedrückt werden. Für den Europäer nicht zu verstehen, für den ein oder anderen Iraker gefährlich…
Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen im Irak. Amerika wird es wohl nicht besser gehen…
Sebastian Derix für www.footage-magazin.deDienstag, 26. Juni 2007
Phantasielos
Als im April, die Saison ging dramatisch ihrem Höhepunkt entgegen, erstmal kolportiert wurde, der zweimalige WM-Torschützenkönig Miroslav Klose werde in der nächsten Spielzeit für den Club aus der bayerischen Hauptstadt stürmen, dementierten die Bremer vehement. Der Trainer wollte den Spieler niemals abgeben, der Manager konnte sich so etwas nicht vorstellen. Ihm fehle schlichtweg die Phantasie für einen solchen Transfer, so Klaus Allofs. Klose selbst hielt sich zunächst noch bedeckt, wollte sich auf die laufende Meisterschaft konzentrieren.
Dann kam heraus, dass Klose sich heimlich mit den Münchener Managern getroffen hatte, eine Einigung über einen Wechsel, spätestens zur Saison 2008/09, erzielt wurde. Klose entschuldigte sich bei seinem aktuellen Verein und den Fans und sagte klipp und klar, er wolle seinen Vertrag an der Weser erfüllen.
Allein, es sollte anders kommen.
Irgendwann, kurz vor einem Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft, fiel Miro dann jedoch ein, er halte den Moment für richtig, zu erklären, er wolle definitiv im Sommer zum FC Bayern wechseln.
Das hatte gesessen.
Allofs bestand jedoch weiterhin darauf, dass man den Stürmer auf keinen Fall - innerhalb Deutschlands - schon vor Ablauf des Vertrags ziehen lassen werde.
Die Verhandlungen gingen weiter, Werder wollte Klose abgeben, sollte man im Gegenzug dessen Stürmerkollegen Podolski zum Champions-League Teilnehmer lotsen können. Kategorische Ablehnung sowohl von Spieler-, als auch von bayerischer Vereinsseite.
Zehn gebotene Millionen für den Bremer Stürmer waren im Gegenzug dem Verein von der Weser zu wenig.
Eiszeit, ruhende Gespräche … zumindest wurde dies den Fans weisgemacht.
Auf einmal kommt es dann doch noch zu dem längst überfälligen Wechsel, Allofs spricht von erfüllten Vorstellungen. Mir fehlt die Phantasie zu sagen, was eine absolute Ablehnung in plötzliche Zufriedenheit umzuwandeln vermag. Wahrscheinlich ist es das Geld, in Mengen, die meine Phantasie wohl auch nicht in der Lage ist zu fassen.
Nun, seien wir froh, dass dieses Theater ein Ende hat. Der Spieler hat seinen Willen bekommen, die Bayern, wie eigentlich immer, den Spieler, den sie wollten …
Die bleibende Frage im Augenblick: Wer hat genug Phantasie sich auszumalen, was sich ein frisch gewechselter junger Nachwuchsstürmer, Jan Schlaudraff, denken mag?
Ich phantasiere: „Scheiße, alles falsch gemacht…“ ?!
Sonntag, 24. Juni 2007
Derby Star
„Wir woll'n keine Zürcher Schweine!“
Fans des Grasshopper Club Zürich beim Derby gegen den FC Zürich.
Besonders interessant für Fans, Medien und Spieler sind diejenigen Spiele, die gegen einen sehr engen Nachbarn ausgetragen werden. Man spricht hierbei von einem Derby.
Doch was genau versteht man unter einem Derby? Der Duden schreibt dazu nichts was in unserem Fall weiterhelfen würde. Befragt man jedoch die allseits beliebte Internet Enzyklopädie „Wikipedia“, so findet man dort folgendes:
„Derby: Man spricht von einem Derby (häufig in Form von Lokalderby), wenn zwei stark rivalisierende Vereine einer Region im Mannschaftssport aufeinander treffen. Derbys haben für viele Fans eine hohe Bedeutung, da es hier beispielsweise um die Vorherrschaft in einem Bezirk oder einer Stadt geht. Das legendärste Beispiel in Deutschland ist das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04, die sich seit Jahrzehnten um den Rang der besten Fußballmannschaft des Ruhrgebietes streiten. Das Stadtderby in Buenos Aires zwischen den Boca Juniors und River Plate wird als El Superclásico, der Super-Klassiker, bezeichnet. Zusätzliche Aspekte können ideologische Unterschiede sein, beispielsweise im Old Firm, dem Fußball-Derby zwischen dem katholischen Celtic Glasgow und den protestantischen Glasgow Rangers.“
Da Deutschlands Revierderby schon allzu oft Thema für diverse Betrachtungen war, sei das Augenmerk auf Argentinien gerichtet.
Das größte Spiel im ganzen Land zwischen den beiden Hauptstadtclubs elektrisiert die Massen. Beide Clubs sind die erfolgreichsten ihres Landes. Sie kommen ursprünglich aus dem gleichen Ortsteil von Buenos Aires. Hier, in La Boca, wurde zunächst 1901 der „Club Atletico River Plate“ gegründet, wenige Jahre später, 1905, dann der „Club Atletico Boca Juniors“. Im Jahre 1907 soll ein Entscheidungsspiel um die Vereinsfarben stattgefunden haben, welches River Plate gewann und seitdem legitimer „Besitzer“ der Farben Rot und Weiß ist. Die Boca Juniors tragen seit der Zeit die Farben blau und gelb. Neben der üblichen Konkurrenz zweier Clubs, deren Stadien heute nur ca. 7 km voneinander entfernt liegen, liegt einer der Gründe in der Abwanderung von River Plate in den 1930er Jahren in das Reichenviertel Nuñez. Von da an war das Stadtderby auch eines der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten.
Die Boca Juniors wurden fortan das „Team des einfachen Volkes“, während River Plate „die Millionäre“ wurden. Hieraus resultiert natürlich auch der ganz besondere Reiz dieses Konkurrenzkampfes.
Für die Boca Fans sind ihre Gegner nur die „Gallinas“ (Hühner), weil sie glauben, diese hätten Angst vor allem und jedem. Im Gegenzug müssen sich die Bocas als „Puercos“, Schweine, beschimpfen lassen, da ihr Stadion in einem Armenviertel steht und angeblich immer etwas streng riecht …
Sportlich gesehen triumphierten bisher öfter die Boca Juniors.
Die Spiele der beiden Mannschaften sind ein wahres Fest an Farben, Fahnen, Gesang und Gebrüll. Fans dichten aktuelle argentinische Hits um, singen und brüllen um die Wette, Feuerwerkskörper in ungezähltem Ausmaß werden gezündet.
Dieses Spiel muss ein Erlebnis sein, dass es sonst nur äußerst selten gibt.
Die britische Zeitung „The Observer“ listete im Jahre 2004 „50 sporting things you must do before you die“.
Hierbei wurde dieses Derby an allererste Stelle gesetzt. Dies sagt wohl alles aus.
Dass es bei einem solchen Spiel vermehrt zu heftigen Auseinandersetzungen kam und kommt ist ebenso wenig verwunderlich, wie schön. So soll z.B. nach einem der Spiele ein Fan einen Mordauftrag für gegnerische Anhänger gegeben haben. Auch starben bei einem Spiel (1968) 73 Fans, 150 wurden verletzt, als ein Ausgang abgeschlossen war, durch den unaufhörlich Menschenmassen strömen wollten.
Neben diesem großen Derby sind River Plate und vor allem auch Boca die Erzfeinde des nahe gelegenen Clubs CA Independiente aus der Stadt Avellaneda, dem dritt-erfolgreichsten Club in Argentinien.
Diese Rivalität reicht soweit, dass vor nicht allzu langer Zeit, in der Hinrunde der abgelaufenen Bundesligasaison, die Konkurrenz gar wunderliche Blüten trieb. Beim Spiel der Gladbacher Borussia beim VfB Stuttgart, hielt die Stuttgarter Ultra Fangruppe des „Commando Cannstatt 97“, ein Spruchband hoch, auf dem folgendes geschrieben stand:
„In$ua traidor, el rojo no perdona“.
Die Übersetzung lautet in etwa so: „Insua, du Verräter – Die Roten vergeben nie.“. Eine Erklärung zu diesem - für den „Normalfan“ - unverständlichen Spruchband findet man auf der Homepage der VfB Ultras.
Hier steht geschrieben:
Es gab „… noch eine „nette“ Begrüßung für den Gladbacher Spieler Insua. Bis Herbst 2005 spielte Federico Insua bei Independiente in Argentinien und war bei dem nur „die Roten“ genannten Verein ein absolutes Idol. Er sagte in einem Interview, dass er in Argentinien NIEMALS für einen anderen Verein spielen würde als für CA Independiente. Zwei Tage später unterschrieb er beim Erzfeind Boca Juniors... Dies brachte die Fans der „Rojo“ gewaltig auf die Palme. Wer die fanatischen Fans in Argentinien kennt kann sich vorstellen, wie diese reagiert haben[...]
Im Sommer wurde der „Verräter“ nun an Gladbach verkauft. Übrigens gegen seinen Willen. Zwischen einigen Leuten des CC und der Barra Brava von Independiente bestehen freundschaftliche Kontakte und die Jungs aus Avellaneda hatten angefragt, ob wir ein Spruchband gegen Insua machen könnten, was wir natürlich gerne taten. Schließlich haben wir selbst genügend Erfahrung mit Söldnern gemacht[…]. Übersetzt heißt der Text des Spruchbands: „Insua, du Verräter – Die Roten vergeben nie“.“
Man sieht, die Rivalität macht nicht vor Grenzen halt. Ein Derby zeigt die Lebenseinstellung eines Fans. Man kann immer nur einen Verein lieben, muss den anderen zwangsläufig „hassen“.
Dass es dabei zu Gewalt kommt, sollte dennoch nicht sein.
Besieht man sich, was inzwischen alles als Derby gilt, so sei ein Blick in DIE Fußballbibel überhaupt geworfen. „Fußball unser“ schreibt zum Thema: „Derbys, die den Namen nicht verdienen“ z.B. dass das „Mittelmeer-Derby“ Olympique Marseille vs. OGC Nizza mit einer Entfernung von 156 km immer noch als ein solches gesehen wird. In Deutschland ist das „Bayern-Derby“ zwischen dem FC Bayern München und dem 1. FC Nürnberg mit 189 km Entfernung vertreten. Selbst für russische Verhältnisse ist beim Derby zwischen Baltika Kaliningrad und Zenit St. Petersburg der Gegner mit 964 km nicht gerade „um die Ecke“ zu finden. Dem sprichwörtlichen Fass der Derbyentfernungen schlägt jedoch das australische Derby zwischen Perth Glory und Adelaide City Force den Boden aus.
Die Entfernung hier liegt bei schlappen 2735 km.
Was ist das alles im Vergleich zu den 7 km die die Stadien der beiden argentinischen Protagonisten auseinander liegen? Nichts. Und dennoch ist auch hier mit Sicherheit der Derby-Charakter gegeben. Nachbarn, Gegner, Rivalen. Derbys sind Feste des Fußballs, Feste der Fans und immer etwas ganz besonderes. Droht auch das Phrasenschwein, so muss man doch feststellen, dass ein Derby immer etwas ganz besonderes ist. Dieses Spiel DARF keiner verlieren.
Sonntag, 10. Juni 2007
Die Hand Gottes
Die Hand Gottes
An einem schönen Sommertag, genauer gesagt war es der 22. Juni des Jahres 1986, fand in Mexiko das Viertelfinale der Weltmeisterschaft zwischen England und Argentinien statt. Es sollte das Spiel eines gewissen Diego Armando Maradona werden. Einer göttlichen Eingebung folgend, bugsierte dieser damals den Ball mit der Hand über Englands Torwart Peter Shilton hinweg in die Maschen. Der Treffer wurde gegeben, doch es sollte nicht die letzte Spiel entscheidende Szene des kleinen Superstars sein. Im gleichen Match war es dann ebenfalls der geniale Diego, der ein Solo über mehr als den halben Fußballplatz startete und letztendlich mit dem Torerfolg abschloss. Ein wunderschönes, ein offizielles Jahrhunderttor.
Wie die Karriere des Argentiniers weiterging ist den meisten von uns sicher in Erinnerung, seine Höhenflüge und noch schlimmeren Abstürze sind legendär. Dennoch ist er immer der Star in Argentinien geblieben, ein Gott fast, sie nennen ihn D10S, dessen spanische Entsprechung.
Zum Zeitpunkt dieses Viertelfinales dauerte es aber noch geschlagene 367 Tage, bis sein legitimer Nachfolger überhaupt das Licht Gottes schöner Welt erblicken sollte. Lionel Messi wurde genau am 24. Juni 1987 geboren und gilt inzwischen als größtes argentinisches Talent seit Maradona. Schon im zarten Alter von 17 Jahren debütierte er in der ersten Elf von Diegos ehemaligem Team FC Barcelona. Inzwischen ist er fast 20 und spielt die Primera Division teilweise alleine schwindelig.
Um seinem Vorgänger und Vorbild nachzueifern dribbelt er was das Zeug hält, umspielt sie, dass ihnen Hören und Sehen vergeht.
Vor kurzem, genauer am 17. April diesen Jahres startete er dann den endgültigen Beweis, dass er, und nur er, fortan als „kleiner Gott“ Argentiniens zu gelten hat. Im Pokalspiel gegen Bernd Schusters FC Getafe startete er ein Dribbling, welches Diego nicht besser hätte machen können und schloss es dann ebenfalls mit einem großartigen Tor ab. Barcelona gewann, genau wie damals Argentinien, und kam eine Runde weiter.
Doch, es fehlte noch etwas im Leben des kleinen Lionel. Das Kopfballtor mit der Hand, welches Gott seinem Vorgänger geschenkt hatte, war noch nicht gefallen. Doch, auch hier wollte sich Barcelonas jüngster Torschütze nicht lumpen lassen. Am 37. Spieltag der laufenden Saison der Primera Division, mitten im Entscheidungskampf um die spanische Meisterschaft, kam es zur Begegnung zwischen dem Meisterschaftskandidaten FC und dem Lokalrivalen Espanyol Barcelona. Am vorletzten Spieltag der Saison nun wurde es Zeit für den kleinen Argentinier, sich endgültig dem Idol anzugleichen. Und so geschah es, dass Espanyol in Führung ging. Messi, ganz in Maradonas Nachfolge verwurzelt, lauerte im Zentrum des Strafraums. Als die Flanke heranrauscht springt er, er köpft, der Ball zappelt im Netz, der Schiri pfeift, das Tor zählt. Die Kameras beweisen es: er hat es geschafft! Mit der Hand boxte er den Ball zum zwischenzeitlichen Ausgleich im Stadtderby. Dringend nötig um die Meisterschaft offen zu halten und, natürlich, dringend nötig, um es Diego gleich zu tun. Und noch eine Parallele gab es, er schoss auch das zwei zu eins. Doch anders als damals in Mexiko, reichte diesmal die knappe Führung nicht aus. Kurz vor Ende des Spiels fiel der Ausgleich und das Championat Spaniens wird nun am letzten Spieltag entschieden.
Sportlich ist also der knapp zwanzigjährige Messi auf dem besten Weg ein Messias für Argentinien zu werden. Mit allen Wassern gewaschen, mit Technik gesegnet.
Er steht auf der sonnigen Seite des Lebens, hoffen wir, dass kein Schnee kommt…
Freitag, 1. Juni 2007
Open this gate!
Open this gate!
Am vergangen Mittwoch fand die turnusgemäße Jahreshauptversammlung der Mönchengladbacher Borussia statt. Da der Verein nach der katastrophalen Saison mit einer noch größeren Zahl anwesender Mitglieder als im letzten Jahr (ca. 2500 Besucher) kalkulierte, wurde die stadioneigene VIP Lounge zu klein und man hatte sich im Vorfeld entschlossen, die Versammlung in der Süd-Kurve des Stadions abzuhalten. Eine, wie sich herausstellen sollte, durchaus gute Lösung. Die Fangnetze waren, entgegen anders lautender Pressemeldungen, schon nach dem letzten Spieltag demontiert worden, man sein ja nicht im Zoo, so das Präsidium.
Ebenjenem sollte es, durfte man der Boulevardpresse und einigen Einträgen in Fan-Foren trauen, auf der Versammlung ordentlich „an den Kragen gehen“, es wurde gar von einer „Abrechnung“ geschrieben. Nun, auf den Inhalt der Versammlung möchte ich hier gar nicht eingehen, dazu mag sich ein jeder Anwesender seine eigene Meinung bilden.
Einen, wenn nicht den bemerkenswerten Auftritt hatte das Borussen Mitglied Helmut E. aus „dem tiefsten Ruhrgebiet“. Im Anschluss an die Berichte aus den einzelnen Abteilungen des Vereins war eine Aussprache zwischen Mitgliedern und Präsidium angesetzt. Hierbei stellten viele Mitglieder mehr oder weniger sachliche Fragen und griffen das Präsidium, sowie vergangene und aktuelle Trainer oder Sportdirektoren an.
Aber Helmut E. wird wohl allen Anwesenden im Gedächtnis bleiben.
Der Versammlungsleiter, der Sprecher des Ehrenrates, Andreas Heinen, sprach im Anschluss an dessen Ausführungen vom „wohl emotionalsten Wortbeitrag“ der ganzen Versammlung. Und so war es wahrscheinlich auch.
Borussen Fan E. kommt aus der Fußball Diaspora Ruhrgebiet. Dies merkte man seiner Rede deutlich an, wie wohl er es auch des Öfteren zu betonen wusste. Er sprach sich seine Emotionen von der Seele, mit Tränen in den Augen freute er sich ob der Anzahl der anwesenden Fans, deren Lachen und Weinen, egal ob sie über ihn oder die Situation weinten oder lachten. Nach einem kurzen Abriss seiner frühesten Fan Jahre, begann sein leidenschaftliches Plädoyer für eine Unterstützung der komplette Vereinsführung. Ob Königs oder Ziege, allen gäben ihr Bestes, rissen sich „auf Deutsch, den Arsch auf“. Er forderte die Versammlung auf, selbstverständlich mit unvergleichlichem „Ruhrpottcharme“, dem Führungsteam den größtmöglichen Rückhalt zu geben. Die Ansprache gipfelte in dem Zitat eines ehemaligen US-Präsidenten, welcher, in einer ebenfalls emotionalen Rede, vom damals sowjetischen Präsidenten Gorbatschow forderte, er möge das Berliner Tor öffnen. „Open this gate!“ warf dieser jenem damals über die Berliner Mauer entgegen. Ganz in dieser Tradition forderte nun Helmut E. den Präsidenten der Borussia auf, er möge die Tür öffnen in eine bessere Zukunft.
Eine große Zahl der anwesenden Fans war begeistert von der Rede, wahrscheinlich weniger vom Inhalt, als von der Performance an sich. Dennoch, diese Ansprache hat Helmut E. inzwischen eine Art „Fan-Base“ geschaffen. Sein Auftritt gilt alt „Kult“.
Sicher wird er von manchen belächelt, aber im Prinzip kann jeder froh sein, einen solchen Auftritt miterlebt zu haben. Dieser Mann lebt Borussia! Dieser Mann ist, was Borussia auch in der „Schweine-Liga“ braucht: treue Fans, die hinter dem Team stehen. Hinter dem Team auf dem Platz und hinter dem Team „dahinter“. Helmut E. ist ein vorbildlicher Fan, so manch ein Nörgler mag sich eine große Scheibe dieses Ruhrpottpoeten abschneiden! Bedingungslose Liebe und Treue zum Verein, das ist es, was seine Ansprache kennzeichnete und was uns allen in der kommenden, wirklich schweren Saison ein großes Stück weiter bringen wird.
P.S.: Obwohl das Filmen während der Veranstaltung ausdrücklich nicht erlaubt war, gibt es den kompletten Redebeitrag von Helmut E. inzwischen bei YouTube zu bewundern.
Dienstag, 29. Mai 2007
Eine Milliarde
Eine Milliarde für den Fußball
Es war in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich die indische Fußballnationalmannschaft regelmäßig in die Siegerlisten der asiatischen Turniere eintragen durfte. Sogar bis zur Weltmeisterschaft in Brasilien hätte man es fast geschafft, wäre da nicht das Problem mit den Schuhen gewesen.
In Indien spielte man seinerzeit noch ohne selbige, was den hohen Herren der FIFA missfiel. Daraufhin lud man die indischen Kicker wieder aus.
Dass dies vielleicht nicht die weiseste Entscheidung gewesen ist, zeigte sich bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne. Hier schafften es die Fußballer vom indischen Subkontinent immerhin bis ins Halbfinale, selbstverständlich ohne Schuhe.
Doch diese Erfolge scheinen lange her, Vergangenheit. Wie sieht es mit der Entwicklung des Fußballs im zweit-bevölkerungsreichsten Staat der Erde aus?
Das „menschliche“ Potential muss definitiv da sein bei einer Bevölkerungszahl von über einer Milliarde! Jedoch, denkt man an Indien, kommt einem nicht gleich Fußball in den Sinn. Eigentlich kommt einem kaum eine Sportart in den Sinn, in der Indien zur Weltklasse gehört.
Doch, eine Milliarde Menschen können nicht nur unsportlich sein.
Eine Milliarde Menschen können auch nicht resistent gegen den Massenvirus Fußball sein.
Und doch, andere Sportarten, vor allem Cricket und Hockey, haben dem Spiel mit dem runden Leder den Rang abgelaufen. Zumindest hat das, betrachtet man das mediale Interesse bzw. die mediale Präsenz, den Anschein.
Doch, woher kommt dieser Anschein?
Chris Punnakkattu Daniel, Chefredakteur des führenden Fußballportals IndianFootball.com, berichtet folgendes: „Die indische Cricket Nationalmannschaft konnte in der Vergangenheit große Erfolge verzeichnen (Weltmeister, Asienmeister, etc.).
Dadurch konnte man das Interesse der Medien und zahlreicher Unternehmen auf Cricket fokussieren und die Früchte ernten.
Millionenschwere Sponsorenverträge, Dauerberichterstattungen in Funk und Fernsehen, seitenweise Artikel und Reportagen in Printmedien, etc.
Diese Entwicklung hat [auch] allen anderen Sportarten in Indien geschadet! Egal ob Fußball, Tennis, Hockey […], keine dieser Sportarten konnte dagegen ankämpfen und der Entwicklung der einseitigen Berichterstattung in den Medien und dem einseitigen Interesse von potenziellen Sponsoren Paroli bieten!“
Dies führt nun dazu, dass man, vor allem in Europa, geneigt ist zu denken, der Fußball habe in Indien keinen besonders hohen Stellenwert.
Das ist selbstverständlich in Wirklichkeit nicht so. Glaub man Chris Punnakkattu Daniel, so wird „Fußball überall im Land gespielt.“
Selbst in den Slums, den Vorstädten der Metropolen wird gekickt. Es gibt dort, unter den Ärmsten der Armen, sogar vereinzelt Mannschaften, die von Hilfsorganisationen unterstützt werden. Unter, man mag es sich selbst nicht vorstellen, dramatischen Umständen erkennen Kinder und Jugendliche ihre Liebe für den Sport, der uns allen so am Herzen liegt. Sie spielen, sie rennen hinter der Lederkugel her, sie vergessen ihre Armut. Aus dieser ersten Liebe erwächst irgendwann vielleicht eine Chance.
Der Fußball ist für einige, zugegeben wenige, besonders arme Inder eine Möglichkeit aus der Armut zu fliehen. Ähnlich wie in anderen unterprivilegierten Staaten verdient der professionelle Fußballer, im Vergleich zur Masse der Bevölkerung, einen immens höheren Lohn. Dieser lockt gar ausländische Profis in das Land entlang des Ganges.
Allerdings fördern Eltern ihre Kinder nicht gerade. Sport steht bei weitem nicht an erster Stelle. Eine „ordentliche Ausbildung“ wird vorgezogen. Sport wird nicht als eine Chance angesehen, dem Elend zu entfliehen, auch wenn es in der Tat so ist.
Dies ist ein Problem, welches die Nachwuchsförderung nicht gerade einfacher macht.
Chris Punnakkattu Daniel meint dazu: „Aus diesem Grund gibt es in allen Sportarten Probleme genug Nachwuchs zu gewinnen bzw. das mögliche Maximum an Talenten an Land zu ziehen und zu fördern! Dies ist auch eine Erklärung dafür, warum Indien nicht als Sportnation gilt bzw. in Erscheinung tritt!“
Profis in Indien verdienen, im Vergleich zur Otto-Normal-Bevölkerung sehr gut. Eben deshalb ist es umso unverständlicher, dass die Jugend, vor allem von ihren Eltern, so wenig gefördert wird.
Man scheint dies inzwischen nun auch im Lande selber erkannt haben.
Chris Punnakkattu Daniel, ehemals ehrenamtlicher Berater des indischen Nationaltrainers, zeitweiliger Teammanager der indischen U17 Nationalmannschaft und, mit seinen Kollegen von IndianFootball.com, Informationsquelle für und über den indischen Fußball, sagt: „Ein Umdenkprozess ist im Gange und viele berühmte indische Sportler setzen sich für die Nachwuchs- und Überzeugungsarbeit ein!“
Gibt es auch kein wirkliches Scouting System, welches die jungen Talente in ihrer unwirklichen Umgebung aufspürt, so schaffen es doch immer wieder junge Spieler, oft gefördert durch z.B. die India Youth Soccer Association (IYSA), ihren Weg zu machen und ehemals unbedeutende Straßenkicker verdienen ihren Lebensunterhalt in einer der drei Profiligen. Aufgrund der weitestgehend fehlenden Scouts arbeitet Chris Punnakkattu Daniel inzwischen mit seinem Kollegen Arunava Chaudhuri daran, in Europa indischstämmige Spieler für die heimatlichen Auswahlmannschaften zu begeistern.
Die Funktionäre und Förderer scheinen die Hoffnung also noch nicht ganz aufgegeben zu haben, in absehbarer Zeit mal wieder erfolgreicher an einem internationalen Turnier teilnehmen zu können.
Verwunderlich wäre es nicht, haben es doch so manche Spieler aus bitterster Armut, aufgewachsen in großen Blechbüchsen, geschafft, einen Profivertrag zu ergattern. Der Kapitän der indischen Nationalmannschaft schaffte es eine Zeit lang in Europa einen Vertrag zu ergattern. Baichung Bhutia, ein ausgezeichneter Techniker, spielte für drei Jahre beim englischen Drittligisten Bury FC, musste dann aber doch der sehr körperlichen Spielweise auf der Insel Tribut zollen. Dennoch, so hofft Chris Punnakkattu Daniel, werden einige indische Spieler in Zukunft den Sprung nach Europa schaffen, um dort für den gesamten indischen Fußball in die Lehre zu gehen, die Aufmerksamkeit auf den indischen Fußball lenken zu können und endlich mehr Sponsoren für den Fußball in Indien begeistern zu können.
In diesem Land der Extreme ist es natürlich vollkommen unabdingbar, dass es Menschen gibt, die sich professionell mit dem Fußball auseinandersetzen. Viele Funktionäre sind aber gleichzeitig in hohen politischen Positionen. Das nützt selbstverständlich bei der Einflussnahme, bedeutender für die Entwicklung wäre aber, dass wichtige Positionen mit echten Fachleuten besetzt werden. Eine Nationalmannschaft, die nur zwei Spiele im Jahr absolviert, kann sich beim besten Willen nicht wirklich weiter entwickeln.
Das Marketing und die Organisation müssen dringend verbessert werden, damit Chris Punnakkattu Daniels Traum, den er schon 2004 in einem Interview mit dem footage-magazin äußerte, in Erfüllung geht: „Wir können, realistisch gesehen, auf eine Teilnahme bei der WM 2010 in Südafrika hoffen. Es gibt immer wieder Überraschungsmannschaften, die den Sprung in das Hauptfeld schaffen. Um das Ziel 2010 zu schaffen, muss kontinuierlich gearbeitet werden und der positive Trend der letzten Jahre fortgesetzt werden.“
P.S.: Inzwischen musste Chris seine Prognose etwas korrigieren und sieht die WM 2018 als realistisch an. Aber, man weiß ja nie …